Stotter-Profis
Stottertherapie mit Kindern und Jugendlichen
Ein flexibles Kartenset für Identifikation, Desensibilisierung, Modifikation und In-vivo-Training nach Van Riper
Stottern ist mehr als eine Unterbrechung des Redeflusses. Es kann beeinflussen, wie Kinder und Jugendliche über ihr eigenes Sprechen denken, wie sie mit Gesprächssituationen umgehen und welche Situationen sie vielleicht lieber vermeiden. Genau hier setzt „Stotter-Profis“ von ProLog an.
Das neue Therapiematerial richtet sich an Kinder und Jugendliche und bietet Logopäd:innen und Sprachtherapeut:innen ein umfangreiches Kartensystem für die direkte Stottertherapie. Besonders interessant ist dabei die Kombination aus Identifikation, Desensibilisierung und Modifikation sowie die Möglichkeit, Übungen gezielt aus dem Therapieraum in reale Kommunikationssituationen zu übertragen.
Schon beim Auspacken wird deutlich: Hier steckt viel Flexibilität drin
Das Set umfasst vier Kartensätze mit jeweils 55 Karten, also insgesamt 220 Karten. Drei Kartensätze sind den Bereichen Identifikation, Desensibilisierung und Modifikation zugeordnet. Der vierte Kartensatz enthält Aufgaben für das
In-vivo-Training.
Die farbliche Kennzeichnung erleichtert die Orientierung:
- 🟠 Identifikation
- 🟦 Desensibilisierung
- 🔵 Modifikation
- In-vivo-Karten mit Aufgaben aus allen drei Bereichen
Innerhalb der drei Hauptbereiche stehen außerdem die Schwierigkeitsstufen leicht, mittel und schwer zur Verfügung. Dadurch kann die Therapeutin bzw. der Therapeut die Auswahl sehr gut an den jeweiligen Therapiestand anpassen.
Das finde ich aus der Praxisperspektive besonders gelungen: Man muss nicht zwangsläufig einen kompletten Kartensatz „abarbeiten“. Stattdessen lässt sich eine Therapiestunde tatsächlich individuell zusammenstellen.
🟠 1. Identifikation: „Was passiert eigentlich beim Stottern?“

Die orangen Karten beschäftigen sich mit der Wahrnehmung und Identifikation des eigenen Stotterns.
Das klingt zunächst vielleicht weniger spektakulär als eine spielerische Sprechübung – ist therapeutisch aber ausgesprochen wichtig. Die Kinder und Jugendlichen sollen ihr Stottern zunehmend beobachten, wahrnehmen und beschreiben können.
Dabei geht es beispielsweise darum:
- Welche Stottersymptome treten auf?
- Was passiert bei einem Block?
- Wo spüre ich Spannung?
- Was mache ich während des Stotterns?
- Wie verändert sich mein Sprechen?
Die Anleitung beschreibt die Identifikation als Voraussetzung für die spätere Modifikation: Automatisierte Abläufe sollen zunächst bewusst wahrgenommen werden.
Mein Praxiseindruck
Gerade bei älteren Kindern und Jugendlichen lässt sich daraus sehr gut eine gemeinsame „Forscherhaltung“ entwickeln.
Nicht:
„Wir müssen dein Stottern wegmachen.“
Sondern eher:
„Lass uns herausfinden, was dein Stottern eigentlich macht.“
Das verändert die therapeutische Perspektive.
🟦 2. Desensibilisierung: Mutig werden und Stottern zulassen

Hier wird es besonders spannend.
Die türkisen Karten enthalten Mutproben und Aufgaben, bei denen sich die Kinder und Jugendlichen bewusst mit Situationen auseinandersetzen, die mit Stottern verbunden sein können. Ziel ist unter anderem, einen sichereren Umgang mit dem eigenen Stottern und möglichen Reaktionen von Zuhörer:innen zu entwickeln.
Ein wichtiger Bestandteil ist dabei auch das bewusste Ankündigen des Stotterns.
Zum Beispiel:
„Ich stottere und arbeite gerade an meinem Sprechen.“
Die Anleitung betont ausdrücklich, dass eine solche Ankündigung nicht entschuldigend, sondern erklärend und souverän erfolgen soll.
Besonders wertvoll: der Schritt nach draußen
Viele Stottertherapien kennen das Problem:
Im Therapieraum klappt es – aber was passiert im echten Leben?
„Stotter-Profis“ greift genau diese Frage auf. Die In-vivo-Karten ermöglichen Aufgaben außerhalb des Therapieraums, beispielsweise in Rollenspielen oder realen Kommunikationssituationen.
Damit kann aus
„Ich kann das hier in der Logopädie“
langsam
„Ich kann das auch außerhalb der Logopädie“
werden.
🔵 3. Modifikation: Stottern bewusst verändern

Der dritte Schwerpunkt widmet sich der Modifikation des Stotterns.
Hier kommen die Sprechtechniken zum Einsatz:
Extra-Stottern
Das Stottern wird bewusst und kontrolliert produziert, beispielsweise:
„Ba-ba-ba-Ball“
Die Technik soll helfen, Stottern willentlich zu produzieren und dadurch zunehmend Kontrolle über automatisierte Reaktionen zu gewinnen.
Anlautdehnung
Der erste Laut eines Wortes wird mit einem leichten Kontakt gedehnt.
Zum Beispiel:
„Mmmmmama“
Dabei soll der Übergang in das Wort bewusst und ohne übermäßige Spannung erfolgen.
Pull-out
Beim Pull-out geht es darum, einen bereits begonnenen Block bewusst zu verändern.
Der Sprecher hält gewissermaßen kurz inne, nimmt die eigene Spannung wahr und versucht anschließend, mit einem leichteren Kontakt bzw. einer kontrollierteren Bewegung aus dem Block herauszukommen.
Für die Therapie bedeutet das: Die Kinder lernen nicht nur eine „neue Art zu sprechen“, sondern beschäftigen sich mit ihrem eigenen Stottererleben und ihrer Handlungsmöglichkeit während des Stotterns.
Was mir an „Stotter-Profis“ besonders gefällt
1. Es ist kein Material, das nur „Flüssigkeit trainiert“
Das ist für mich einer der grössten Pluspunkte.
Das Material richtet den Blick nicht ausschließlich auf:
„Wie bekomme ich das Kind flüssiger?“
sondern auch auf:
„Wie kann das Kind lernen, mit seinem Stottern umzugehen?“
Diese Haltung passt gut zum Nicht-Vermeidens- bzw. Stottermodifikationsansatz, an dem sich das Material orientiert.
2. Die Karten lassen sich sehr individuell einsetzen
Die Kombination aus
Therapiebereich + Schwierigkeitsgrad + Anzahl der Karten
macht das Material ausgesprochen flexibel.
Ein Kind, das gerade erst beginnt, sein Stottern wahrzunehmen, braucht schließlich andere Aufgaben als ein Jugendlicher, der bereits zahlreiche Strategien kennt und nun den Schritt in reale Kommunikationssituationen gehen möchte.
Die Anleitung sieht deshalb ausdrücklich eine individuelle Auswahl der Karten vor.
3. Die In-vivo-Karten sind ein echtes Highlight

Für mich ist das einer der stärksten Aspekte des Materials.
Die Therapie endet nicht an der Praxistür.
Durch die speziellen In-vivo-Aufgaben kann die Therapeutin gemeinsam mit dem Kind oder Jugendlichen Situationen aus dem Alltag aufgreifen und anschließend reflektieren.
Das macht das Material besonders interessant für Jugendliche, bei denen beispielsweise
- Telefonieren,
- Nachfragen,
- Kontaktaufnahme,
- Sprechen mit fremden Personen,
- Vorstellen,
- Bestellen oder
- spontane Gesprächssituationen
eine Herausforderung darstellen.
Ein kleines, aber sehr nützliches Extra: die Stotter-Strichliste
Im Lieferumfang befindet sich neben den Karten eine Anleitung mit Kopiervorlagen, unter anderem für eine Stotter-Strichliste und eine Umfrage über Stottern.
Die Strichliste kann dazu genutzt werden, die eigenen Stottersymptome genauer zu beobachten.
Dabei werden beispielsweise unterschieden:
- Laut-/Silbenwiederholungen
- Dehnungen
- Blockierungen
- andere Symptome
Das kann eine gute Grundlage für die gemeinsame therapeutische Reflexion sein.
Auch die Umfrage über Stottern gefällt mir als therapeutisches Werkzeug. Hier wird die Perspektive auf das Stottern erweitert: Was denken andere Menschen darüber? Wie reagieren Zuhörer:innen? Welche Vorstellungen gibt es über Stottern?
Damit wird aus einer reinen Sprechübung schnell eine kommunikative und soziale Aufgabe.
Für welches Alter?
Die offizielle Anleitung nennt 7 bis 14 Jahre und beschreibt das Material für zwei Personen im therapeutischen Setting.
Meine Einschätzung: Besonders stimmig erscheint mir der Einsatz bei Schulkindern und Jugendlichen, die bereits über ihr eigenes Stottern reflektieren können und bei denen direkte Stottermodifikation bzw. Nicht-Vermeidung therapeutisch sinnvoll ist.
Für sehr junge Kinder im Vorschulalter würde ich andere, stärker entwicklungsorientierte Materialien bevorzugen.
⚠️ Was sollte man als Therapeut:in beachten?
Das Material ist kein eigenständiges Stottertherapiekonzept, das unabhängig von Diagnostik und therapeutischer Zielplanung eingesetzt werden sollte.
Gerade die Übungen zur bewussten Produktion von Stottersymptomen, Desensibilisierung und Modifikation erfordern eine fachlich sichere therapeutische Begleitung.
Die Karten sind deshalb aus meiner Sicht am stärksten, wenn sie nicht als fertiges „Programm zum Durchspielen“, sondern als Werkzeugkasten innerhalb einer individuell geplanten Stottertherapie verstanden werden.
Auch die Reihenfolge Identifikation → Desensibilisierung → Modifikation sollte nicht als starres Schema verstanden werden. Der aktuelle Therapiestand, die Persönlichkeit des Kindes, seine Motivation und seine individuellen Ziele müssen entscheidend sein.
Mein Fazit aus logopädischer Sicht
„Stotter-Profis“ ist ein durchdachtes und ausgesprochen praxisnahes Material für die direkte Stottertherapie mit Schulkindern und Jugendlichen.
Besonders überzeugt mich die klare Strukturierung in Identifikation, Desensibilisierung und Modifikation, kombiniert mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und einem eigenen In-vivo-Bereich.
Die Karten schaffen zahlreiche Gesprächsanlässe und machen aus therapeutischen Inhalten konkrete Handlungsaufgaben. Dadurch kann die Therapie abwechslungsreich gestaltet werden, ohne dass der fachliche rote Faden verloren geht.
Mein persönliches Highlight ist jedoch der Transfer in reale Kommunikationssituationen. Denn genau dort entscheidet sich letztlich, ob ein Kind oder Jugendlicher das in der Therapie Erarbeitete auch für sich nutzen kann.
Für Logopäd:innen und Sprachtherapeut:innen, die mit älteren stotternden arbeiten und den Nicht-Vermeidens-/Stottermodifikationsansatz in ihrer Therapie einsetzen, ist „Stotter-Profis“ deshalb eine interessante Ergänzung für den therapeutischen Materialschrank.
Erhältlich beim K2 Verlag:
Kurzinfo zum Material Stotter-Profis
ProLog Therapie- und Lernmittel GmbH
für die Stottertherapie mit Kindern und Jugendlichen
4 × 55 Karten
Identifikation · Desensibilisierung · Modifikation · In-vivo
Schwierigkeitsstufen: leicht · mittel · schwer
inkl. Anleitung und Kopiervorlagen
K2-Bestellnummer: 87113

